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2026-05-16

Tag 12 (T: 111 Km / G: 958 Km)

Um halb neun bin ich mit dem Frühstück fertig. Jetzt noch fertig packen und ich kann starten.

Um neun Uhr ist es so weit. Das Wetter ist gut. Es ist sonnig, aber kalt, und bis zum Mittag könnte es mal wieder regnen – aber das sollten dann die letzten Regentropfen sein. Danach soll es immer wärmer werden und für die nächsten Tage keinen Regen mehr geben.

Die Straße vom Hotel führt mich direkt aus Lyon raus. An einer Ampel treffe ich einen Radfahrer, der mich direkt auf Deutsch anspricht. Er hat meine Augsburger Fahne erkannt; er wohnte ein paar Jahre in Augsburg, bevor er nach Fürth umgezogen ist. Wir fahren dann zusammen weiter. Er heißt Thomas, und ich erfahre, dass er auch nach Spanien fährt. Was für ein Zufall! Er fährt aber zuerst nach Toulouse, wo sein guter Kumpel lebt, den er besuchen will.

Unsere Fahrgeschwindigkeit ist gleich. Wir geben uns abwechselnd Windschatten oder fahren auch nebeneinander und unterhalten uns über unser Lieblingsthema: Fahrradfahren.

Thomas ist viel Rennrad gefahren, oft mit ein paar Freunden in den Dolomiten. Seit dem 1. Mai ist er Rentner und macht endlich eine lange Fahrradtour. Das kommt mir so bekannt vor, genau wie meine Pläne. Nur habe ich bereits vor einem Jahr mit meiner Nordkap-Tour damit angefangen.

Wir wollen heute etwa 100 Kilometer schaffen. Die Stadt Tournon bietet sich als heutiges Ziel an. Bei einer Pause bucht Thomas für sich ein Zimmer in Tournon. Ich entscheide mich für eine Nacht im Zelt. Das Wetter passt endlich und in Tournon gibt es einen Camping Municipal. Dann können wir morgen weiter zusammen fahren, da unsere Strecken bis Avignon gleich sind.

Bis Tournon bleiben uns noch 15 Kilometer, als wir an eine kleine Brücke über einen Bach kommen. Der Radweg ist hier betoniert und ein bisschen höher als der Untergrund daneben. Vor der Brücke steht ein Pfosten, der den Gegenverkehr trennen soll und den die Radfahrer jeweils rechts umfahren müssen. Unsere Fahrräder sind mit den Packtaschen ein bisschen breiter als sonst, und wir müssen an solchen Schikanen langsamer und vorsichtig vorbeifahren. Es ist schon etwa halb fünf und zu dieser Zeit sind nicht mehr viele Radfahrer unterwegs. Wir sind hier alleine und rollen auf die Brücke zu.

Thomas ist ca. 10 Meter vor mir und ich sehe, wie er immer näher an die Kante des Radwegs kommt. Plötzlich rutscht sein Vorderrad von der Radwegkante ab. Er verliert die Kontrolle und überschlägt sich mit dem Fahrrad in den Graben.

Ich halte an und renne zu ihm. Er bewegt sich nicht und ist bewusstlos. Ich ziehe mein Handy heraus, um den Rettungsdienst zu rufen. Es muss auch hier die 112 sein. In dem Moment kommen zwei Radfahrer aus der Gegenrichtung und halten an. Es sind zwei junge Männer, Franzosen. Ich bitte sie, den Anruf zu übernehmen; sie können die Lage auf Französisch besser beschreiben als ich mit meinem begrenzten Englisch. Das tun sie auch, stellen das Gespräch auf Lautsprecher und folgen den französischen Anweisungen. Ich hole die Rettungsdecke und wir decken Thomas damit ab. Ich kann das Gespräch mit der Rettungsleitstelle nicht verstehen, aber einer der Männer informiert mich in Stichworten auf Englisch. Der Rettungswagen ist bereits auf dem Weg. Wir sollen bis dahin schon mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung starten. Das machen die beiden Männer abwechselnd.

In ca. 15 Minuten kommt der Rettungswagen auf der anderen Seite der Brücke an und drei Sanitäter rennen mit ihrer Ausrüstung zu uns. Jetzt übernehmen sie die Rettung. Ein paar Minuten später kommt von der anderen Seite ein weiterer Rettungswagen mit einem Arzt. Kurz danach trifft von der Brückenseite noch ein dritter ein.

Nach etwa einer Stunde erfolgloser Reanimation bricht das Rettungsteam den Einsatz ab.

Kurz nach 20 Uhr verlasse ich die Station der Gendarmerie, wo ich meine Zeugenaussage machen musste.